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Artikel von Markus Bauer +
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Ken Kutaragi, einer der wichtigsten Köpfe hinter der ursprünglichen PlayStation, glaubt an einen radikalen Umbruch bei Videospielen. Bereits 2028 oder 2029 könnte künstliche Intelligenz seiner Einschätzung nach Videos und Musik schnell genug in Echtzeit erzeugen, um heutige Spieltechnologien zu überholen. Das Ergebnis wären Erlebnisse, die nicht mehr vollständig von Entwicklern vorgebaut werden. Kommunikation, Ideen und sogar persönliche Vorstellungen könnten selbst zum Inhalt werden. Für Kutaragi geht das so weit, dass wir solche Erlebnisse irgendwann womöglich gar nicht mehr als „Games“ bezeichnen.

Kutaragi sprach darüber in einem ausführlichen Interview mit 4Gamer.net. Seine Aussagen haben besonderes Gewicht, weil er selbst einen der größten technischen Umbrüche der Spielebranche mitgestaltet hat. Unter seiner Führung setzte Sony mit der ersten PlayStation massiv auf 3D-Grafik und später auf immer leistungsfähigere Hardware. Heute ist Kutaragi unter anderem CEO des KI- und Robotik-Unternehmens Ascent Robotics.

Kutaragi findet, dass moderne Spiele technisch feststecken

Seine Einschätzung der heutigen Gaming-Branche fällt überraschend kritisch aus. Spiele seien größer, schöner und wesentlich teurer geworden, die grundlegende Art der Entwicklung habe sich seiner Meinung nach aber viel weniger verändert. Als Gegenbeispiel nennt Kutaragi die Anfangsjahre der PlayStation. Das erste Battle Arena Toshinden sei damals von weniger als zehn Entwicklern innerhalb weniger Monate gebaut worden und habe gegenüber früheren 3D-Spielen einen sichtbaren Technologiesprung gebracht.

Heute würden Studios dagegen enorme Entwicklungszeiten und riesige Teams benötigen, während Verbesserungen häufig nur in besserem Shading oder etwas glaubwürdigeren NPCs sichtbar würden. Verglichen mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz sieht Kutaragi die Spielebranche deshalb inzwischen im Hintertreffen. NVIDIA und AMD hätten Technologien für Gaming vorangetrieben, seien inzwischen aber längst tief im KI-Bereich angekommen.

Das passt durchaus zur aktuellen Entwicklung innerhalb der Branche. Sony hat selbst angekündigt, KI künftig stärker in die Entwicklung von PlayStation-Spielen einzubeziehen. Dabei spricht Sony bislang allerdings vor allem von Werkzeugen, die Entwickler unterstützen sollen. Kutaragis Vorstellung geht wesentlich weiter.

Ab 2028 könnte die Spielwelt erst entstehen, während du sie erlebst

Kutaragi erwartet den entscheidenden technischen Punkt bereits in wenigen Jahren. Weltweit werde daran gearbeitet, Video und Musik mithilfe künstlicher Intelligenz in Echtzeit zu generieren. Nach seiner Einschätzung könnte diese Technik 2028 oder 2029 die Geschwindigkeit heutiger Spielekonsolen erreichen.

Dann müsste eine virtuelle Welt nicht mehr vollständig aus Levels, Animationen, Dialogen und vorbereiteten Ereignissen bestehen. Inhalte könnten erst in dem Moment entstehen, in dem du mit ihnen interagierst. Kutaragi beschreibt eine Zukunft, in der selbst persönliche Vorstellungen zum Ausgangspunkt eines Erlebnisses werden.

Sein Beispiel ist ziemlich ungewöhnlich. Statt dir immer nur den perfekten Begleiter oder freundlichsten Charakter vorzusetzen, könnte ein System bewusst eine Person erschaffen, die dir auf die Nerven geht, dich herausfordert oder völlig unerwartet reagiert. Genau diese Unberechenbarkeit sieht Kutaragi offenbar als wichtigen Unterschied zu heutigen Spielen.

Dann wäre es für ihn eigentlich kein Videospiel mehr

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, dass eine Künstliche Intelligenz künftig schneller Texturen oder Dialoge produziert. Kutaragi erwartet eine grundlegend andere Form interaktiver Unterhaltung. Wenn Inhalte permanent auf den einzelnen Nutzer reagieren und unmittelbar neu entstehen, würden die Grenzen zwischen Spiel, Kommunikation und virtueller Erfahrung verschwimmen.

Er vergleicht das sinngemäß mit einer Tür in eine andere Welt. Wer heute reist, möchte neue Orte und Menschen erleben. Eine vollständig generierte virtuelle Umgebung könnte solche unbekannten Welten jederzeit erzeugen. Dabei müsste man irgendwann möglicherweise nicht einmal mehr wissen, ob die Figuren darin von echten Menschen gesteuert werden oder vollständig künstlich sind.

Kutaragi geht sogar davon aus, dass aus dem heutigen weltweiten Spielemarkt von mehr als 30 Billionen Yen langfristig ein Unterhaltungsmarkt von bis zu 3.000 Billionen Yen werden könnte. Diese enorme Zahl ist seine persönliche Zukunftsvision und keine belastbare Marktprognose. Sie zeigt aber, welche Größenordnung er dem technologischen Wandel zutraut.

Der PlayStation-Vater fordert sogar ein Ende des „Human-Centered Design“

Noch ungewöhnlicher wird seine Vision beim Thema Bedienung. Kutaragi hält das klassische Human-Centered Design langfristig für überholt. Moderne Geräte würden immer stärker darauf ausgelegt, dass Nutzer möglichst wenig nachdenken müssen. Oberflächen werden vereinfacht, Systeme erklären sich selbst und Barrieren werden entfernt.

Kutaragi sieht darin auch einen Nachteil. Wenn Technik dem Nutzer jede Entscheidung abnimmt, verstehe dieser irgendwann nicht mehr, wie Hard- und Software tatsächlich funktionieren. In Zukunft erwartet er deshalb einen stärkeren Fokus auf KI. Dabei beschreibt er künstliche Intelligenz nicht nur als Werkzeug, sondern eher als eigenständigen digitalen Akteur, mit dem Menschen kommunizieren müssen.

Das unterscheidet seine Haltung deutlich von vielen aktuellen Entwicklern. Valve experimentiert beispielsweise ebenfalls mit künstlicher Intelligenz, sieht sie aber vor allem als Werkzeug für einzelne Aufgaben. Half-Life-Autor Erik Wolpaw erklärte dazu, warum KI menschliche Kreativität aus seiner Sicht nicht einfach ersetzen kann.

Eine Vorhersage, keine feststehende Zukunft

Ob Kutaragis Zeitplan tatsächlich aufgeht, ist offen. Dass KI-generierte Videos innerhalb weniger Jahre schneller und interaktiver werden, lässt sich bereits beobachten. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass klassische Videospiele 2029 verschwinden. Entwickler, Spieler und wirtschaftliche Modelle entscheiden genauso darüber, welche Technologien sich am Ende tatsächlich durchsetzen. Capcom arbeitet zukünftig viel mehr mit KI-Tools, aber die Spieleentwicklung und die Kreativität stammt weiterhin von Menschen.

Interessant ist trotzdem, wer diese Prognose ausspricht. Kutaragi gehörte zu den Menschen, die in den 1990er-Jahren daran glaubten, dass 3D-Grafik und CDs die Art verändern würden, wie Videospiele entstehen. Damals lag er ziemlich richtig. Seine nächste Vision geht noch wesentlich weiter: Die Zukunft des Gamings wäre demnach nicht die PlayStation 6 oder eine noch leistungsfähigere Grafikkarte. Es wären Welten, die erst entstehen, während wir sie uns vorstellen. Krasse Idee.

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