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Wird der Kinofilm wegen Netflix, Disney+ und Co aussterben?

Kaum war es so einfach an tolle Filme und Serien zu kommen. Streaming ist auf seinem Höhepunkt. Doch müssen sich Kinos bedroht fühlen?

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Wie hoch ist das Interesse an Amazon Prime Video, Disney+, Netflix und Co. im Streaming-Vergleich? (C) Amazon, Disney, Netflix; Bildmontage: DailyGame

Meinungsartikel – Wunderschöne Menschen, die in teurem Gewand, auf roten Teppichen, dem fotoschießenden Hofstaat ihre Aufwartung machen. Mit Goldbesetzte Ringe und kostbaren Ketten, gepaart mit einem Million-Dollar-Lächeln, schreiten sie zu ihrer Krönung. Es hätte der wichtigste Abend des Jahres sein sollen. Jedenfalls für eine sehr ausgewählte Gruppe an Menschen. Doch nach der 94. Verleihung der Oscars, die alljährlich die hervorragendsten Erfolge in der Kunst des Filmschaffens auszeichnen, sprach die Welt nur über ein Thema: Will Smith und seine handgreifliche Attacke. Niemand bemerkte, dass ein (Nicht-Netflix) Kinofilm nicht diesen einen Oscar gewonnen hat.

Will Smith und sein Verbrechen aus Leidenschaft. Will Smith und der Publicity-Albtraum seines PR-Teams. Wie auch immer die Schlagzeile lautete, die Ohrfeige war nicht nur ein Schlag ins Gesicht des Comedians Chris Rock. Denn der historische Sieg des “Best Picture”-Underdogs Coda (Apple TV+) ging im Tumult des Spektakels unter. Dabei dürfte der erstmalige Sieg eines Streaming-Films einen tatsächlichen Umbruch in Hollywood markieren, der sich schon lange abzeichnet.

Seelenlose Säle – Kinofilme in Zeiten von Streaming

Vom Stumm- zum ,,Kaboom!”-Film: Kinogeschichte ist wie die sequenzierte Reihenfolge einzelner Bildern. Bewegt. Von den Anfängen schwarzweißer Filmproduktionen, mit Pianobegleitung und schick gekleideten Besuchern. Bis hin zur bombastischen Marvel-Produktion, in immersiven IMAX-Kinosälen mit standesmäßigen 3D-Effekten. In der bewegten Geschichte des Kinos scheint Veränderung die einzige Konstante zu sein. Denn ein Medium, das so stark von technischen und kulturellen Neuerungen umgeben ist, kann nicht statisch bleiben.

Dass dabei unheilverkündende Aluhutträger, die vom Untergang der Kinos predigen, bei jedem Entwicklungsschritt dabei waren, ist indes kein Phänomen der Gegenwart. Bereits in den 1950er-Jahren sahen Kritiker das Ende der Leinwände nahe. Denn mit immer populärer werdenden Fernsehgeräten, fühlten sich die großen Kinohäuser bedroht. Würden Menschen noch in Kinos gehen, wenn sie Filme gemütlich von zuhause aus sehen könnten?

Wird der klassische Kinofilm wegen Netflix & Co aussterben? Eine Frage, die im Zeitalter der Streaming-Anbieter aktueller nicht sein könnte. Auch wenn die Kinos jene Phase des multimedialen Umbruchs seinerzeit überlebten, sind wir im Jahr 2022 erneut vor die selbe Frage gestellt. Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+ sind nicht nur im Mainstream angelangt, sie sind der tonangebende Mainstream. Kaum ein Haushalt verfügt nicht über mindestens eines dieser Angebote. Auch wenn zum Leidwesen vieler Streaming-Anbieter Passwörter geteilt werden, damit Endverbraucher Kosten einsparen. Vielerorts haben Streaming-Apps lineares Fernsehen zur Gänze ersetzt. Doch wie sieht das bei Filmen aus?

Rückblickend hat sich gezeigt, dass Kinos durch das aufkommende Fernsehen wenig zu befürchten hatten. Fernsehen hingegen, wird allmählich immer weiter durchs Streaming zurückgedrängt. Die Vorzüge die “On Demand” hat, sind kaum zurückzuweisen. Serien, Filme, Dokus, wann immer man möchte? Ohne auf lästige Spielzeiten im Fernsehen zu warten? Natürlich musste sich das durchsetzen. Unsere Kinder kennen heute schon nichts anderes mehr.

Mit Coda, The Power of the Dog, Encanto uvm. waren 2021 so viele Streaming-Filme wie noch nie nominiert. (C) Netflix

Kein Netflix Kinofilm – “Top Gun: Maverick” lässt Umdenken

Dabei ist es ein leichtes ein dystopisches Bild von leeren Kinosälen zu malen. Bereits bei der Einführung des Tonfilms prophezeiten Cineasten den Untergang des uns bekannten Films. Knapp hundert Jahre später bereitet uns das Medium aber immer noch so viel Freude, dass ich darüber schreiben möchte und ihr es offenbar lesen wollt. Und ja, Streaming ist eine mediale Entwicklung, die es im Auge zu behalten gilt. Aber nur weil es eine dominierende Kraft gibt, heißt das noch lange nicht, dass sich altbewehrtes bedroht fühlen muss.

Denn ich liebe Streaming! Nie war es leichter hochkarätige Blockbuster, europäisches “Art House” oder einfühlsame Indies per Tastendruck von der Gemütlichkeit der eigenen Couch aus zu genießen. Netflix darf sich auf die Schultern klopfen bislang wie kaum ein anderes Filmstudio große Erfolgsversprecher, als auch kleine Kritikerlieblinge, gefördert zu haben. Und dennoch lässt sich das Gefühl, das ich vor einigen Wochen, als ich Top Gun: Maverick im Kino gesehen habe, auf keiner Couch der Welt rekreieren.

Ein todesmüder Tom Cruise, der der in einem F-18-Kampfflieger halsbrecherisch über Berghänge saust. Eine IMAX-Geräuschkulisse, die jedes verschmitzte “cruissche” Lächeln und jede startende Turbine mitten in mein Rückenmark feuert. All das ist toll, aber kein Muss. Jeder Film profitiert vom Kinoerlebnis. Nicht nur die Lauten.

Denn etwas anderes hat Top Gun: Maverick für mich zu einem Kinoerlebnis gemacht hat, das ich nie vergessen werde: Nämlich der Kinosaal selbst und die Menschen, mit denen ich den Film teilen konnte. Nervöses Aufatmen, wenn Maverick erneut einen waghalsigen Looping überlebt hat. Lautes Gelächter, wenn ein schroffer Witz besonders gut gelungen ist. Gar tosender Applaus, als der Tag gerettet war und die Piloten ihre Flieger sicher gelandet hatten. Wenn ein Kinosaal lebt, dann sind Filme großartig. Wenn sie uns zusammen bewegen, wütend machen, belustigen, zum Weinen bringen oder gar das Kino verlassen lassen, dann sind sie magisch.

Und weil diese Momente einzigartig und aufs Kino beschränkt sind, wird es Kinos immer geben.

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