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The Power of the Dog (Netflix) – Filmkritik

The Power of the Dog führt die diesjährige Liste mit den meisten Oscar-Nominierung an. Warum das so ist, erfahrt ihr bei uns in der Kritik.

Review von

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein erfrischend weiblicher Blick auf ein altes Genre
  • Intimer Psychothriller mit unerwartetem Twist/li>
  • Meisterliches Handwerk vor und hinter der Kamera

Zwei grimmige Männer stehen sich, die Hände erwartungsvoll über dem Griff ihres Revolvers schwebend, in der Mittagshitze einer ausgebrannten Stadt gegenüber. Ihre Augen felsenfest auf den jeweils anderen gerichtet, erwarten sie den erlösenden Glockenschlag. Punkt 12 Uhr, sie ziehen, nur einer schießt. Dann liegt der eine blutend und sterbend am Boden, während der andere seinen vom Kautabak geschwärzten Speichel auf den Sand spuckt. Er geht in den nächsten Saloon, um die Kälte seiner Seele mit einem brennenden Whiskey herunterzuspülen.

Das Bild des wilden Westens ist felsenfest in der Popkultur verankert. Seien es die patriotischen, amerikanischen Heimatfilme in der Blütezeit des Westerns der 1930er und 40er-Jahre. Oder die nicht minder prägende Welle an spanischen und italienischen Revisionen ab den 1960er-Jahren. Eines haben sie alle gemeinsam: Der wilde Weste wird immer von noch wilderen Männern bewohnt. Ein tugendhafter, aber auch unnachgiebiger John Wayne, der als Sinnbild für die Dominanz über die unzivilisierte Wildnis steht. Ein Clint Eastwood, der nur mit einem finsteren Blick (und der Sprachgewalt seines Sechsschüssers) seine unantastbare Männlichkeit beweist. Kurz: Männer, die vom rauen amerikanischen Grenzland gebildet wurden. Heldenhaft, autoritär, abgehärtet und ungebunden.

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Mit The Power of the Dog versucht sich nun auch die australische Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion (The Piano), dreizehn Jahre nach ihrem letzten Film, an diesem Genre. Was dabei herauskommt ist nicht nur ein erfrischend weiblicher Blick auf eine von Männern dominierte Ära der amerikanisches Geschichte. Sondern auch ein Blick ins Innere jener Männer, die keine andere Welt kannten und an ihr zugrunde gingen.

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The Power of the Dog: No Country for weak Men

Montana 1925. Das Leben der beiden Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) ist kein einfaches. Als Grundherren über eine lukrative Rinderfarm gehören sie zwar zur vermögenden Elite ihres Landkreises, doch beruht ihr Reichtum auf jahrzehntelanger harter Arbeit. Es ist jene schweißtreibende und auslaugende Arbeit, die Männer formt. Ein Leben als Cowboy, das einen Jungen zum Mann macht.

Jedenfalls sieht das Phil, der Patriarch der beiden Rancher, so. Unter seinen Cowboys geschätzt, unter seinen Feinden gefürchtet, ist sein Wort auf der Farm Gesetz. Sein Bruder George hingegen ist anders. Während Phil ungewaschen und ungepflegt nur in der Arbeit aufgeht, ist George weniger hartgesotten, introvertiert, ja sogar mitfühlend. Als er sich eines Tages verliebt und sogar eine Frau heiratet, die samt ihres Sohnes nun bei den beiden Brüdern auf der Ranch leben soll, fühlt sich Phil von den Eindringlingen herausgefordert. Denn sie bedrohen alles wofür er steht.

Es folgt ein psychologischer Terror, der aus Phils reiner Willkür heraus entsteht. Jedenfalls scheint es so. Nur mit seiner Anwesenheit treibt er die von Kirsten Dunst gespielte Rose bis zum Rand des Aushaltbaren. Bis er sie in die Arme eines alten Vertrauten führt: Alkohol. Ein Anblick, den vor allem ihr feinfühliger Sohn Pete (Kodi Smit-Mcphee), der nichts lieber macht als aus Zeitungspapier Blümchen zu falten, nicht ertragen kann. Denn kümmert sich ein echter Mann nicht um seine Mutter?

KIRSTEN DUNST als ROSE GORDON Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX © 2021

KIRSTEN DUNST als ROSE GORDON Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX © 2021

Doch Peterfindet einen unerwarteten Draht zum herrschsüchtigen Phil. Der Rancher wiederum merkt, dass ihn etwas mit Pete verbindet, wofür es in der Welt, in der er lebt, nicht einmal Worte gibt. Allmählich lichtet sich die Fassade des hartgesottenen Cowboys. Was zum Vorschein kommt ist ein Mann, der so viele Mauern vor sich und der Umwelt aufgebaut hat, dass der kleinste Riss sein Haus zum Einstürzen bringen könnte.

Spiel mir das Lied von der toxischen Maskulinität

,,Was zum Teufel weiß diese Frau […] über den amerikanischen Westen?” fragte der texanische Seriendarsteller und Langzeitcowboy Sam Elliott (A Star is born, 1883) kürzlich in einem Podcast. (via The Hollywood Reporter) Auch wenn er die technischen Fähigkeiten der Regisseurin anerkennt, will er doch nicht ganz verstehen, warum die Australierin Jane Campion sich an dem Material versucht hat.

Dabei wird mit jeder Szene, bei jedem vor innerer Repression strotzendem Blick, bei jedem verzweifelten Ansuchen um Verständnis klar, warum nur ,,diese Frau” diese Geschichte erzählen konnte. In The Power of the Dog versucht Campion weniger die Faszination des amerikanischen Cowboys zu entmythologisieren, sondern viel eher anhand jener Ära der gehärteten, männlichen Dominanz, einen Blick in die selbst auferlegte Unterdrückung zu wagen. Sie versucht weder zu belehren, noch aufzuklären. Vielmehr malt sie ein realistisches Bild eines Mannes, der das Produkt einer Welt ist, in der er glaubt, nur durch Härte überleben zu können. Auch wenn er dabei nicht merkt, dass es jene äußere Härte ist, die ihn leiden lässt.

Kodi Smit-Mcphees und Benedict Cumberbatch in the Power of the Dog

Kodi Smit-Mcphees und Benedict Cumberbatch in the Power of the Dog Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX © 2021

Gefühle, die weiter reichen als die Freude über ein meisterhaft verarbeitetes Lasso, oder der Erschöpfung nach einem harten Arbeitstag, sind Konzepte, die in Phils Welt kaum einen Platz haben. Ja nicht einmal überlebensfähig wären. Was zunächst als klaustrophobischer Thriller beginnt, wird im Laufe des Films immer intimer, bis sich Phils Schichten allmählich zu schälen beginnen.

Ein grausamer Twist am Ende eröffnet indes noch eine weitere Dimension, die ein Hinterfragend des gesamten Films provoziert und zum erneuten Ansehen einlädt. Dazu liefert Jonny Greenwood den passenden Filmscore, der jeden gefährlichen Blick, jede Gefühlsregung nur noch schmerzhafter macht. Kurzum: Mit The Power of the Dog liefert Jane Campion nicht nur einen der heißesten Anwärter für die größte Auszeichnung des Jahres, sondern auch einen erfrischenden und intimen Blick ins Innerste der Charaktere eines oft zitiertes Genres.

The Power of the Dog ist auf exklusiv auf Netflix verfügbar.

ReviewWertung

10SCORE

Ein neuer, weiblicher Blick auf eine von Männern dominierte Ära macht The Power of the Dog zu einem überragenden Vertreter des Genres, einer intimen Charakterstudie und dem besten Film des Jahres.

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