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Artikel von Markus +

Gleich vorweg: Ich hatte einen kurzweiligen, sehr spielbaren Vormittag – und trotzdem blieb bei mir dieses Gefühl, dass noch etwas fehlt. Das Wiener Gaming Museum nimmt dich mit auf eine Zeitreise durch die Videospiel-Geschichte, lässt dich an vielen Stationen selbst Hand anlegen und punktet mit Fakten und Vielfalt. Gleichzeitig kratzt die Atmosphäre für meinen Geschmack zu wenig am echten „Arcade-Feeling“ von damals.

Das Museum liegt praktisch neben dem Haus des Meeres – zentral, gut erreichbar und mit einem ungewöhnlichen Twist: Die Räume befanden sich früher in einer Folter-Ausstellung. Das klingt makaber, fällt vor Ort aber vor allem durch die verwinkelte, leicht mysteriöse Raumstruktur auf, die den Rundgang abwechslungsreich macht. Preislich lag unser Familienbesuch (2 Erwachsene, 2 Kinder) bei 30,90 Euro – Wochentag, Herbstferien. Für eine Indoor-Aktivität in Wien ist das absolut im Rahmen.

Schon beim Reingehen wird klar: Hier geht es nicht nur ums Anschauen, sondern ums Ausprobieren. Dazu wurden wir auch gleich „animiert“. Überall leuchten Bildschirme, Controller liegen bereit, und Kinder wie Erwachsene werden sofort magisch angezogen. Das Konzept „Bitte spielen!“ funktioniert und ist definitiv eine der größten Stärken des Hauses.

Die Zeitreise: Von der Timeline bis Daytona USA

Besonders gelungen fand ich die Timeline der Videospiel-Geschichte. Sie führt dich vom frühen Pixel-Zeitalter bis zu modernen Konsolen und setzt die großen Meilensteine in Kontext. Das ist didaktisch stark, leicht verständlich und motiviert, die Exponate direkt daneben auszuprobieren.

Richtig Laune gemacht hat mir der Arcade-Bereich, der etwas verteilt ist. Klassiker wie Virtua Tennis beziehungsweise Ping Pong und das legendäre Daytona USA sind am Start und zwar spielbar. Knöpfe drücken, Lenkrad greifen, direkt im Wettbewerb landen: So muss es sein. Wer das noch aus Jugendtagen kennt, hat sofort dieses Kribbeln in den Fingern. Hier blitzt das „echte“ Retro-Gefühl auf, das ich mir insgesamt öfter gewünscht hätte.

Ping Pong wie damals im Gaming Museum in Wien - Bilder: Markus Bauer

Ping Pong von Atari wie damals im Gaming Museum in Wien – Bilder: Markus Bauer

Viele Exponate, viel zum Anfassen, aber wenig Deko (die ich mir erwartet hätte)

In Summe wirkt die Ausstellung inhaltlich beeindruckend, atmosphärisch aber eher nüchtern. Es gibt wirklich viel zu sehen und zu bespielen, doch die Gestaltung rundherum bleibt zurückhaltend. Mir fehlten Requisiten, Poster, leuchtende Werbeschilder, (mehr) Magazine und dieser leicht überladene Charme, der früher in Spielhallen üblich war. Mein Kinderzimmer war damals vollgepflastert mit Postern aus Gaming-Magazinen – genau dieses Gefühl von „zu viel, aber genau richtig“ hätte dem Museum gutgetan. Aber das ist meine Meinung, weil ich ein Kinder der 90ziger bin.

Der Star-Trek-Flipperautomat ist cool, aber aus der Kelvin-Zeitlinie und damit eher modern als „Retro“. Das ist nicht schlimm, aber in Summe verschiebt sich so die Stimmung ein Stück weg von der 80er/90er-Arcade-Romantik hin zu einem allgemeinen „Gaming-Show-Floor“.

Solche Wände hätte ich mir im Museum mehr gewünscht. - Bilder: Markus Bauer

Solche Wände hätte ich mir im Museum mehr gewünscht. – Bilder: Markus Bauer

Moderne Konsolen: Switch-Überhang am Ende

Am Ende des Rundgangs stehen sehr viele Nintendo-Switch-Stationen. Für Familien ist das praktisch, weil die Kinder sofort etwas Vertrautes finden. Für mich wirkte es allerdings überrepräsentiert. Meine Kids spielten dort genau die Spiele, die sie ohnehin daheim haben: ein bisschen schade, wenn man extra ins Museum geht. Die Positionierung ist allerdings bewusst gewählt: Die Switch-Konsolen stehen gegenüber den alten Arcade-Automaten und Flippern, um einen direkten Vergleich zwischen „damals“ und „heute“ zu ermöglichen. Als kuratorische Idee ist das schlüssig, im Erlebnis fühlte es sich für mich trotzdem etwas „zu modern“ an.

Ebenfalls modern war eine Xbox One mit Fortnite. Das passt zur Gegenwart des Mediums, beißt sich aber etwas mit dem Retro-Schwerpunkt. Ich hätte mir gewünscht, dass moderne Stationen gezielter eingesetzt werden: zum Beispiel, um bestimmte Entwicklungssprünge zu veranschaulichen, statt einfach „viel“ bereitzustellen.

Meinen Kindern zeigte ich eher Pac Man, als Fortnite (das sie eh schon kennen). - Bilder: Markus Bauer

Meinen Kindern zeigte ich eher Pac Man, als Fortnite (das sie eh schon kennen). – Bilder: Markus Bauer

Zahlen, Kuratoren & Partner: Beeindruckende Basis

Spannend sind die Eckdaten: Das Museum umfasst rund 790 Quadratmeter. Es stehen aktuell über 1.000 Exponate, und mehr als 30 Konsolen und Automaten sind direkt spielbar. Die Ausstellung wechselt, wächst und bleibt dadurch dynamisch: ein wichtiger Punkt für Wiederbesuche.

Die Sammlung speist sich aus mehreren Quellen: vom Museumsleiter selbst, vom Kurator Andranik Ghalustians – nach eigener Angabe der größte Videospielsammler Österreichs – sowie aus Spenden und Leihgaben von Privatpersonen und Unternehmen. Diese Mischung erklärt die Bandbreite: von seltenen Stücken bis hin zu aktuellen Geräten, die Kooperationen ermöglichen.

Apropos Kooperationen: Nintendo ist ein starker Partner des Hauses, auch Xbox/Microsoft sowie verschiedene Studios unterstützen das Museum. Das erklärt die breite Präsenz moderner Konsolen und die Möglichkeit, Besucher aktiv spielen zu lassen. Von Capcom bis Indie-Studios aus Österreich, die Spannweite ist groß und trägt zur Ausstellungsvielfalt bei.

Früher in meinen Kinderzimmer, heute im Gaming Museum. - Bilder: Markus Bauer

Früher in meinen Kinderzimmer, heute im Gaming Museum. – Bilder: Markus Bauer

Überraschend fand ich die Geschichte des Museumsshops: Der Verkauf alter Games entstand eher zufällig, weil Besucherinnen und Besucher immer wieder nach „Retro zum Mitnehmen“ fragten. Nach einem größeren Ankauf wurde daraus ein fixes Angebot. Wichtig: Spenden und Leihgaben wandern ausschließlich in die Ausstellung, nicht in den Verkauf. Das schafft Vertrauen und sorgt dafür, dass die Schau mit der Zeit noch vielseitiger wird.

Besucherandrang & Timing: Mein Tipp für dich

Im Schnitt kommen rund 200 Gäste pro Tag, mit erwartbaren Spitzen Richtung Wochenende. Wer möglichst entspannt alles ausprobieren möchte, sollte an einem Montag oder Dienstag vorbeischauen. Das deckt sich übrigens mit meinem Gefühl: Unter der Woche in den Ferien war es gut machbar, aber ich kann mir vorstellen, dass es am Samstag deutlich voller ist und gerade bei den beliebten Arcade-Stationen ungeliebte Warteschlangen entstehen.

Positiv bleibt bei mir vor allem das „Hands-on“-Prinzip hängen. Du kommst nicht nur zum Schauen, du spielst. Dazu die Timeline, die den Rundgang strukturiert, und eine beachtliche Zahl an Exponaten, die in regelmäßigen Abständen wechseln.

Gleichzeitig fehlte mir dieses schwer greifbare, aber sofort spürbare „Arcade-Flair“. Mehr Neon, mehr Poster, mehr Geräuschkulisse, mehr Requisiten. Insgesamt eine szenischere Inszenierung. Und ja: mehr echte, alte Arcade-Automaten. Ich weiß, das ist teuer in der Anschaffung und Wartung, doch genau diese Maschinen sind es, die ein Gaming Museum in die Sphäre der Erinnerung katapultieren. Dort, wo alles nach Münzeinwurf riecht und man die nächsten 10 Schilling in der Tasche klimpern hört. Aber ja, meine „Retro-Fantasien“ sind wohl etwas übertrieben.

Videospiele haben eine lange Geschichte, die 1951 begann. - Bilder: Markus Bauer

Videospiele haben eine lange Geschichte, die 1951 begann. – Bilder: Markus Bauer

Kuratorische Idee vs. Besucher-Erlebnis

Die Gegenüberstellung von alt und modern ist inhaltlich sinnvoll. Sie zeigt, wie sich Bedienung, Grafik und Spielideen verändert haben. Aber: Wenn moderne Stationen quantitativ die Oberhand gewinnen, verwässert das Erlebnis leicht. Gerade der letzte Bereich mit vielen Switch-Konsolen fühlte sich für mich weniger „Museum“ und mehr „Gaming-Area“ an, wie du sie auch in Elektronikmärkten erlebst. Unsere Kinder sollen erleben, wie wir damals gespielt haben. Nicht die Switch, die daheim gelassen wurde, dort „wiederfinden“.

Vielleicht wären auch Themeninseln gut, die den Fortschritt noch mehr greifbarer machen. „Vom Lightgun-Shooter (Virtua Cop) zur Bewegungssteuerung (Wii)“.

Solche Raritäten findet man ebenfalls im Gaming Museum in Wien: Der Virtual Boy von Nintendo. Einer von vielen gescheiterten Existenzen, die keine große Stückzahlen erreichten. - Bilder: Markus Bauer

Solche Raritäten findet man ebenfalls im Gaming Museum in Wien: Der Virtual Boy von Nintendo. Einer von vielen gescheiterten Existenzen, die keine große Stückzahlen erreichten. – Bilder: Markus Bauer

Für wen lohnt sich der Besuch?

Natürlich eine wichtige Frage, wenn man dorthin will. Für Familien ist das Wiener Gaming Museum eine richtig gute Wahl: kurzweilig, mit viel Interaktion und einem sicheren Treffer bei Kindern, die schnell einen Controller in der Hand haben möchten. Für Retro-Fans und Nostalgiker lohnt sich der Besuch ebenfalls, vor allem wegen der Arcade-Ecke und einzelner Highlights,  auch wenn die Deko und Anzahl klassischer Automaten aus meiner Sicht noch zulegen dürfte.

Wer tiefer einsteigen will, sollte eine Führung ins Auge fassen. Das Museum bietet mehrere Touren in verschiedenen Sprachen an, darunter ein „Insider Special“ mit Nik, das sich intensiv mit der Videospiel-Geschichte auseinandersetzt. Genau hier vermute ich großes Potenzial: Kontext, Anekdoten und kuratorische Hintergründe machen die Exponate lebendiger und ersetzen ein Stück weit das fehlende „Show“-Gefühl im Raum.

Mein Fazit zum Gaming Museum in Wien

Unterm Strich liefert das Wiener Gaming Museum viel Spielwert, eine solide historische Einordnung und eine verblüffende Vielfalt an Exponaten. Die Kooperation mit großen Partnern bringt moderne Geräte ins Haus, die du direkt testen kannst. Inhaltlich ist das stark und ideal für alle, die nicht nur schauen, sondern auch „zocken“ wollen.

Was ich mir für die Zukunft wünsche: mehr szenische Gestaltung, die konsequent eine „Zeitkapsel“ baut. Posterwände, Werbeaufsteller, Röhrenfernseher im Regal, Zeitschriftenauslagen, vielleicht ein paar Original-Snackautomaten oder leuchtende Markisen mit Game-Logos, all das holt die 80er und 90er zurück in den Raum. Und ja: mehr klassische Arcade-Spielautomaten, so schwer und kostspielig das auch ist. Sie sind das Herzstück jeder Gaming-Nostalgie.

Würde ich wieder hingehen? Ja. Und ich würde eine Führung buchen, um das Maximum herauszuholen. Wer mit Kindern unterwegs ist, bekommt ohnehin viel „Spielzeit“ fürs Geld. Wer für das Gänsehautgefühl der Spielhallen kommt, wird Spaß haben, aber vielleicht noch nicht die ganz große Verliebtheit.

Du möchtest dich selbst überzeugen?

  • Webseite: GamingMuseum.at
  • Adresse: Fritz-Grünbaum-Platz 1 in 1060 Wien (Im Luftschutzbunker unter dem Esterhazy Park / Neben des Haus des Meeres, ehem. Flak-Turm)
  • Öffnungszeiten (Wien): Montag bis Sonntag von 10:00 bis 19:00 Uhr

Disclaimer: Wurden wir für diesen Artikel bezahlt? Nein. Den Eintritt für meine Familie und mich habe ich selbst bezahlt – schon allein, weil ich die Idee des Museums großartig finde. Um Fakten korrekt wiederzugeben, habe ich die PR-Abteilung des Gaming-Museums kontaktiert. Auf den Inhalt bzw. meine Meinung in diesem Artikel hatte das keinen Einfluss.

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